#95: Begegnung mit dem Ex-Ich
Wie es sich anfühlt, erwachsener geworden zu sein
Hallo, ihr Lieben,
ein paar Vorbemerkungen vor dem eigentlichen Text:
1. In den letzten Wochen hat sich die Zahl meiner Abonnenten fast verdoppelt. Ich bin – wie regelmäßige Leser wissen – sehr bemüht, mich von derartigen externen Erfolgsanzeichen möglichst wenig beeinflussen zu lassen. Trotzdem: Herzlich Willkommen und vielen Dank für den Vertrauensvorschuss.
2. Mehr noch als die vielen neuen Abonnenten habe ich zuletzt über diese Mail gestaunt:
Aus ziemlich offensichtlichen Gründen bedeutet mir das mindestens genauso viel wie eine schnell wachsende Zahl von interessierten Lesern.
3. Meine erste Zusammenarbeit mit einem anderen Substack-Autor ist in Arbeit. 😁
4. Zum heutigen Text: Das Feedback, das ich bisher am häufigsten bekommen habe, lautet sinngemäß: „Ich würde gern noch mehr über deine eigenen Gedanken erfahren.“ Bisher habe ich nur wenige persönliche Anekdoten als Aufhänger für meine Artikel genutzt. Das hat vor allem einen Grund: Ich finde es befremdlich und fast schon ein bisschen egozentrisch, meine Person in den Mittelpunkt irgendwelcher Texte zu rücken, die am Ende – das ist zumindest mein Bestreben –einen Ratschlag, eine Inspiration oder Lektion enthalten, also dem Leser zugutekommen sollen.
Dennoch möchte ich das künftig aus zwei Gründen vermehrt wagen: Erstens bin ich selbst begeisterter Konsument von Essays, in denen Autoren wie beispielsweise Thekla Wilkening oder Nathaniel Drew immer wieder schaffen, Erkenntnisse zu transportieren oder Anregungen zu geben, indem sie plaudernd und reflektierend aus ihrem Leben erzählen.
Zweitens ist es gleichermaßen eine schreiberische Herausforderung wie eine persönliche Wachstumsaufgabe: Handwerklich betrachtet ist es reizvoll, Texte zu verfassen, die den Balance-Akt zwischen der Leichtigkeit und dem Unterhaltungswert einer persönlichen Anekdote einerseits und der Ernsthaftigkeit von Lerneffekten und Alltagsweisheiten schaffen. Und persönlich muss ich vielleicht einfach darauf vertrauen lernen, dass nicht nur ich dieser Art von Essay etwas abgewinnen kann.
Viel Vergnügen
— Felix
“Der gute Autor scheint über sich selbst zu schreiben, legt aber seinen Blick stets auf diesen Faden des Universums, der durch ihn selbst und alle Dinge verläuft.“
—Ralph Waldo Emerson1
“Das Erstaunliche an der Verletzlichkeit ist: Je wohler du dich damit fühlst, nicht großartig zu sein, desto mehr werden die Leute denken, dass du es bist.“
—Mark Manson2
Mein hoffentlich letzter Reifenwechsel
Mit dem Wintereinbruch Anfang Januar ereilte mich eine unangenehme, aber unaufschiebbare Aufgabe: Der Reifenwechsel, den ich erfolgreich vor mir hergeschoben hatte – bis plötzlich verflixt dicke Schneeflocken vom Himmel fielen.
Ganz der Produktivitäts-Nerd, der ich sein kann, nutzte ich kurzerhand die Einladung zu einem sonntäglichen Besuch bei einer befreundeten Familie3 als Selbstbindung: Ich sagte nicht nur den Besuch zu, sondern legte mir damit die sprichwörtliche Pistole auf die Brust, spätestens am Abend vorher den Reifenwechsel erledigen zu müssen (denn eine Anreise per Bahn kam nicht ernsthaft in Frage).
Es kam der Samstagabend, Frau und Kinder schliefen gegen 20:30 Uhr, ich rollte metaphorisch gesprochen die Ärmel hoch — und startete hochmotiviert in eine krachende Niederlage.
Die Kurzversion: Zunächst musste ich unseren betagten Nachbarn um 21:00 Uhr aus dem Haus klingeln, um mir sein Radkreuz zu leihen, weil ich immer noch kein eigenes besitze. Dann wurde mir auf unangenehme Weise in Erinnerung gerufen, warum ich zum letzten Radwechsel auch dessen Wagenheber ausgeliehen hatte: Der Untergrund bei uns ist mit groben und unebenen Pflastersteinen ausgelegt; die kleinen Räder unseres Wagenhebers fangen darauf zu rollen an, wenn das Auto bereits angehoben ist. Unpraktisch.
Also: Winterreifen und Werkzeug in den Kofferraum, Kaffee in einen Thermosbecher und in Schrittgeschwindigkeit in eine Querstraße auf ebenen Untergrund umgeparkt.
Dort wechselte ich erfolgreich den ersten Reifen — um dann beim Wechsel des zweiten den entscheidenden Fehler zu machen: Obwohl der Wagenheber auf dem minimalen Gefälle der Straße das Auto nur so weit angehoben bekam, dass der Reifen den Boden noch berührte, zog ich den Sommerreifen ab — und bekam den Winterreifen anschließend nicht aufgesetzt. Ums Verrecken nicht. Den Sommerreifen aber auch nicht mehr. Und ich konnte das Auto nun auch nicht mehr wieder absetzen, denn es hatte ja nur noch drei Reifen.
Nachdem ich mich bestimmt eine halbe Stunde vergeblich abgemüht hatte, irgendwie einen Reifen auf die Halterung gesteckt zu kriegen, schluckte ich mein Ego zusammen mit dem restlichen Kaffee herunter und rief gegen 22:20 Uhr den ADAC an.
Reflexartiges Reflektieren
Wie jede andere Betätigung, die man lange und intensiv genug betreibt, wird auch das Reflektieren des eigenen Verhaltens und Erlebens irgendwann second nature, wie es im Englischen heißt. Als langjähriger Bullet Journal-Schreiber und noch langjährigerer Intensivreflektierer hat sich bei mir eine Art Reflex ausgebildet: Herausforderungen, außergewöhnliche Erlebnisse oder ungewöhnliches eigenes Verhalten lassen irgendwo in meinem Gehirn ein was-kann-ich-daraus-lernen-Areal anspringen – so auch in dieser verflixt kalten Samstagnacht.4
Mit der Zeit hat sich dabei ein erstaunliches, aber eigentlich wenig überraschendes Phänomen eingestellt: Durch regelmäßige Selbstbeobachtung und Reflektion kann man im Laufe der Jahre die eigene Persönlichkeitsentwicklung nachvollziehen. Indem man nach besonders wirkmächtigen Denk- und Verhaltensmustern sucht und die eigenen Sensoren für wiederkehrende Situationen und Kontexte verbessert, bekommt man ein immer klareres Bild von eigenen psychologischen Tendenzen.
Das wurde mir deutlich bewusst, als ich den Anruf mit dem ADAC-Mitarbeiter beendet hatte: Noch vor wenigen Jahren hätte ich mir für meine Idiotie, für diesen so vermeidbaren und offensichtlichen Fehler und für meine Unfähigkeit bei allem Handwerklichen eine eklige innere Standpauke gehalten. Ein solches Missgeschick hätte mir mindestens für einige Tage die Laune verhagelt und mein Selbstwertgefühl in den Kurzurlaub geschickt.
Erkennbares Erwachsen
Nun aber, einige Jahre, viele Missgeschicke sowie nicht zuletzt eine hochdosierte Stoizismus-Druckbetankung später, kann ich nach einem kurzen Moment der ungläubigen Entnervtheit die Fassung bewahren und das zu lösende Problem im Auge behalten. Besonders auffällig im Kontrast zu meinem früheren Ich: Es schlich sich kaum ein Gedanke dazu in mein Innenleben, wie andere wohl über mein Versagen denken würden. Kein vorauseilendes Gefühl der Peinlichkeit, kein reflexartiges Bezweifeln meiner Männlichkeit.
Der freundliche ADAC-Mitarbeiter wechselte innerhalb weniger Minuten alle Reifen, wies mich auf heruntergearbeitete Bremsscheiben (hätte ich nicht erkannt) und den abgelaufenen TÜV (wäre mir entgangen) hin und erklärte mir einige Dinge (wie sich herausstellte, hatte ich den ersten Reifen auch noch falsch angebracht).
Wo ich mich früher dafür selbst verflucht hätte, sowas Simples wie einen Reifenwechsel nicht selbst hinzubekommen, kann ich mich heute problemlos damit arrangieren, Menschen mit sehr viel mehr Routine und besserem Equipment den Vortritt zu lassen. Deswegen wird dieser Reifenwechsel wahrscheinlich – bis auf die, die ich notgedrungen irgendwo an der Autobahn machen muss – mein letzter gewesen sein. Meine Lebenszeit ist zu wertvoll, um mir selbst und irgendeinem imaginären Kritiker ohne Not beweisen zu müssen, dass ich das allein kann.
Erst investiert man Zeit, um Geld zu haben,
dann investiert man Geld, um Zeit zu haben.5
Und noch eine weiter Erkenntnis kam mir im Nachgang dieses Abends: Es mag ein wertvoller Entwicklungsschritt zu sein, sich mit „gut genug“ zufrieden geben zu können. Aber im Zusammenhang mit sicherheitsrelevanten Tätigkeiten oder hohen Vermögenswerten — und beides trifft auf die Funktionstüchtigkeit eines Autos zu — ist das eigene „gut genug“ womöglich alles andere als gut genug.
Und nicht nur das: Bei dem Versuch, was auch immer allein hinzubekommen, um ein paar Euro zu sparen, richtet man unter Umständen sehr teuren Schaden an. Ich bezahle sehr viel lieber einen zweistelligen Betrag in der lokalen Werkstatt, als dass mir beim nächsten ein-richtiger-Mann-macht-sowas-selbst-Reifenwechsel das aufgebockte Auto vom Wagenheber rutscht.
Am Ende war diese ganze Anekdote erstaunlicherweise eher ein Grund für „Stolz“6 als für Selbstvorwürfe: Ich hätte mich in Wunschdenken oder Halsstarrigkeit verrennen können; stattdessen hatte ich die nötige Demut, um Hilfe von einem Fachmann zu holen. Dabei konnte ich nicht nur mich selbst beobachten, sondern habe auch noch etwas gelernt. Und die Reifen hätten nicht besser gewechselt werden können — win-win-win.
Vorwärts leben, rückwärts lernen
“Verstehen kann man das Leben oft nur rückwärts,
doch leben muss man es vorwärts.“
—Soren Kierkegaard
Als Teil des langjährigen Bemühens, problematische Muster zu ändern, bleibt einem eine Reflektionspraxis — auch eine sehr regelmäßige — über lange Zeit jeden Beweis schuldig, dass die eigenen Anstrengungen irgendetwas bewirken. Erst durch die wiederholte Dokumentation herausfordernder Situationen und der eigenen Verhaltensweise wird man in die Lage versetzt, das Inzwischen-Ich mit der früheren Version zu vergleichen — und dadurch eine nachhaltige Entwicklung zu bestätigen.
Ich erlebe das in Momenten wie dem hier geschilderten als eine Art Perspektivwechsel in die Innenperspektive eines Menschen, den ich — zumindest in Hinblick auf ein paar konkrete Eigenheiten — gut kenne, der mir inzwischen aber fremd geworden ist. Ich kann mich in ihn hineinversetzen, eine bekannte Situation durch seine Augen sehen, seine emotionale Reaktion abschätzen – aber sie erscheint mir unangemessen. Kontraproduktiv. Unreif.
Ein Glück! Wenn überhaupt, dann weckt diese Erfahrung Neugierde, sogar Vorfreude darauf, herauszufinden, wie ich mit ein paar weiteren Jahren und Bullet Journals mehr auf meine jetzige Selbstwahrnehmung zurückblicken werde.
Weitere Lektüre
Original-Zitat aus „The Journals of Ralph Waldo Emerson: „The good writer seems to be writing about himself, but has his eye on that thread oft he universe, which runs through himself and all things.“
Original-Zitat aus „20 Paradoxes That Are True“: „The amazing thing about vulnerability is the more comfortable you are about not being great, the more people will think you are.“
Grüße gehen raus nach Wilhelmshagen!
Zugegebenermaßen hat dieses Gehirnzentrum in den letzten Monaten ein Kann-ich-darüber-einen-Newsletter-schreiben-Upgrade bekommen.
Ich meine, das bei Alex Hormozi gelesen zu haben, bin mir aber nicht mehr sicher. Wenn ich die Quelle finde, ergänze ich sie hier.






Sehr schöner Beitrag! Du bekommst die Balance zwischen Anekdote und Mehrwert hervorragend hin, also keine Scheu vor weiteren Texten dieser Art 😀
Sehr schön geschrieben - gerade was das Reflektieren angeht, scheint das eine Routine geworden zu sein, die nicht mehr viele Menschen praktizieren... Kennst du den täglichen Stoiker? Der ist seit längerem zu meinem regelmäßigen Begleiter geworden :)