#101: Erwachsene Streiche
Von der vielleicht besten Art der Kindlichkeit
Dies ist die erste Ausgabe meines Newsletters, die eine Woche verspätet erscheint. Grund dafür war eine plötzliche Erkrankung, die mich letzte Woche um genau die Abende gebracht hat, die fürs Schreiben reserviert waren.
Die Chancen stehen gut, dass das niemandem außer mir aufgefallen ist. Trotzdem wollte ich es nicht unerwähnt lassen, weil mir die zumindest eingebildete Erwartungshaltung von euch Leserinnen und Lesern, jeden zweiten Sonntag einen Text von mir zu erhalten, eine wichtige Motivation ist. Erstaunlicherweise ist es nämlich nicht selbstverständlich, dass ich mich an den Laptop setze und Fließtext schreibe — obwohl ich weiß, wie gut es mir tut.
Eingebildet oder nicht: Ich bin dankbar dafür, dass einige Menschen meine Texte lesen und gelegentlich kommentieren — wenn diese denn erscheinen.
In diesem Sinne: Weiter zur heutigen Ausgabe und zurück in den bekannten Rhythmus. Den nächsten Text gibt es dann also schon am kommenden Sonntag.
Bis dahin — euer Felix
Wie treue Leser wissen, denke ich im Kontext Erwachsenwerden unter anderem über den Unterschied zwischen kindlichem und kindischem Verhalten Erwachsener nach.1
Zu diesem Zweck suche ich auch immer wieder nach konkreten Beispielen für Verhaltensweisen, die in die eine oder andere Kategorie fallen und trotzdem — oder gerade deswegen — gesellschaftlich akzeptiert oder sogar begrüßt werden.
Ein interessanter Betrachtungsgegenstand sind dabei Streiche.
In der Alltags- und Popkultur haben Streiche einen festen Platz: Von harmlosen Klingelstreichen2 über allmorgendliche Scherzanrufe im Radio bis hin zu aufwendigen TV-Shows wie „Punk’d“ — Streiche provozieren eine reizvolle Mischung aus Erleichterung, nicht selbst der Betroffene zu sein, Schadenfreude und/oder purer Unterhaltung. Gute Streiche machen die Grenzen gesellschaftlicher Gepflogenheiten sichtbar (und ermöglichen dadurch eine Auseinandersetzung damit), spielen mit Erwartungen und Vorurteilen oder halten Spiegel hoch. Und harmlose Streiche sind für alle Beteiligten einfach ein schöner Moment gemeinsamer Erheiterung.
Natürlich haben sich auch bei einer eigentlich so unterhaltsamen Angelegenheit wie dem Streiche-Spielen unangenehme bis geradezu barbarische Ableger entwickelt, die insbesondere in den sozialen Medien für Aufruhr sorgen; unter dem Schlagwort evil prank finden sich allerlei wirklich appetitlose Versuche, die eigenen Klick-Zahlen um jeden Preis hochzutreiben.3
Wer sich einen Eindruck von den bescheuerten Ideen machen will, auf die prankster so kommen, dabei auch ein bisschen Schadenfreude und Genugtuung genießen will, wird unter den Suchbegriffen „prank instant karma“ fündig.

Auch wenn ich mich im Alltag darum bemühe, wohldosiertes Erwachsenen-Verhalten an den Tag zu legen, haben ich für Streiche der guten Art — für kreative oder durchdachte konspirative Scherze — durchaus etwas übrig. Und ganz gelegentlich lasse ich mich auch selbst einmal dazu hinreißen.
Die fingierte Gewahrsamnahme
Auf einer längeren Autofahrt mit meinem besten Freund nach Dresden wurde uns mit einem Blick auf das Navigationsgerät klar, dass er mit einiger Sicherheit zu spät zu seiner Schicht kommen würde. Spontan kam ich auf eine Idee, seinen damaligen Arbeitgeber hereinzulegen. Ich rief ihn vom Handy meines Mitfahrers aus an, wechselte ich in den Polizisten-Modus, gab mich als Angehöriger einer Polizeidienststelle aus und erklärte dem Herrn am anderen Ende der Leitung, dass sein Mitarbeiter die Nacht in einer Gewahrsamszelle verbracht hätte. Mein Gesprächspartner reagierte zunächst misstrauisch, aber mein Tonfall, die plausible Geschichte und der Polizei-Jargon brachten seine Skepsis ins Wanken — und meinen Beifahrer dazu, sich in die Faust beißen zu müssen, um nicht lauthals ins Telefonat hinein zu lachen.
Auch beim (sehr förmlichen) Rückruf des Chefs hielt ich das Schauspiel durch — bis zur Auflösung, als mein Begleiter und ich im Laden ankamen und einen sichtlich verwirrten Inhaber aufklären konnten.
Fortbildung in IT-Sicherheit
In meinem Stammrevier bei der Bundespolizei ergab es sich öfter einmal, dass — insbesondere lebensältere Kollegen — ihren Dienstrechner nicht gegen fremden (oder meinen) Zugriff sperrten, wenn sie ihren Arbeitsplatz kurzzeitig verlassen mussten. Wie es der Zufall so wollte, hatte ich bei irgendeiner Gelegenheit herausgefunden, dass man bei einigen dieser Rechner mit einer Tastenkombination die Bildschirmausrichtung um 180 Grad drehen konnte, sodass das Bild plötzlich auf dem Kopf stand.
Ich hatte vielleicht drei oder vier Gelegenheiten für den Schabernack, dann hatten die Kollegen in meinem Umfeld die Lektion gelernt und sperrten ihre Rechner selbst für einen Gang zum Mülleimer — bis auf einen besonders abgebrühten Cop, der von einem Toilettengang zurückkam, sein gedrehtes Computerbild erkannte, stumpf den Monitor umdrehte und weiter an seinem Bericht arbeitete.
Die Kollegen revanchierten sich übrigens in einer Nachtschicht, indem sie mir während eines Nickerchens die Fingernägel pink anmalten.
Überraschungspartys
Man kann wohl darüber streiten, ob das als Streich gilt, aber für mich als Strippenzieher hat es sich in beiden Fällen, in denen ich heimlich eine Party organisierte, wie einer angefühlt.
In beiden Fällen war meine heutige Ehefrau das „Opfer“. Die erste Gelegenheit war ihr 25. Geburtstag. Ohne ihr Wissen bestellte ich alle ihre besten Freundinnen und Freunde schon Monate im Voraus ein, ließ sie alle aber die Einladungen meiner Frau unter irgendeinem Vorwand absagen. Das Ergebnis war, dass bis auf zwei Übernachtungsgäste, die wir sowieso zu Besuch hatten, niemand zu ihrem runden Geburtstag zu kommen schien — bis plötzlich die Wohnung voll war mit lieben Menschen, tollen Geschenken und fantastischer Laune.
Die zweite Gelegenheit hatte ich zu unserer Verlobung. Der passende Moment war gekommen, als wir für einen Kurzurlaub in einem schicken Hotel in der Altstadt von Dresden waren. Mithilfe der sehr zuvorkommenden Mitarbeiter der dortigen Event-Abteilung organisierte ich anstatt unseres regulären Frühstücks einen separaten Raum für meine Partnerin und mich, unsere Eltern und Geschwister — und ließ sie alle konspirativ anreisen. Am nächsten Morgen wurden wir von einem Hotel-Mitarbeiter unter dem Vorwand, beim normalen Frühstücksbuffet wären alle Tische belegt, in eine “Ausweich-Räumlichkeit” geführt — und als meine Bald-Verlobte den Raum betrat und erschrocken in die Gesichter unserer Familie blickte, ging ich hinter ihr auf ein Knie und vergaß schlagartig einen Großteil meiner sorgfältig ausformulierten Ansprache.
Wahrscheinlich sind Streiche für meine Suche nach der Grenze zwischen kindlichem und kindischem Verhalten so interessant, weil sie in beide Kategorien fallen können. Je nachdem, wie und in welchem Kontext ein Scherz passiert, kann er völlig geschmacklos, womöglich sogar kriminell sein — oder ganz wunderbar unterhaltsam.
Und manchmal kann ein wohlplatzierter Streich sogar dazu beitragen, das eigene Leben für immer zu verbessern.
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zuletzt in den Ausgaben 79 und 83
Ausnahme: Abendliche Klingelstreiche bei Familien mit sehr kleinen Kindern. Nicht witzig.
Ein besonders schauriger Grenzfall, der sogar rechtlich und polizeilich spannende Fragen aufwirft, sind die horror clown pranks, die vor einigen Jahren Hochkonjunktur hatten.

