#107: Reife
Aus meinem Commonplace Book
Die Idee des Heranreifens ist ein Kernaspekt meiner Überlegungen rund um das Erwachsenwerden (oder wie ich es lieber nenne: Das Erwachsen). Damit habe ich selbstverständlich nichts revolutionär Neues entdeckt: Ein gängiges Synonym für “kindisch” ist “unreif”, und jungen Menschen wird oft attestiert, für irgendwas “noch nicht reif” zu sein.
Und doch ist es — wie mit so vielen vagen Begrifflichkeiten, die umgangssprachlich verbreitet, aber philosophisch schwer zu fassen sind — gar nicht so einfach, die Idee der Reife vernünftig zu umreißen.
Was macht einen reifen Menschen aus? Inwieweit ist die Idee der Reife deckungsgleich oder zu unterscheiden von angrenzenden Konzepten wie Mündigkeit, Weisheit oder dem Erwachsensein?
Wie so oft, wenn ich versuche, meinen Sprachgebrauch auszuschärfen und bestimmte Worte mit einer konkreten Bedeutung für mich zu hinterlegen, helfen mir die Überlegungen anderer kluger Leute als Startpunkt. Also habe ich mal wieder (eins) mein(er) Commonplace Book(s) aufgeschlagen und einen Schwung Zitate zum Thema Reife herausgesucht:
Emotionale Reife
Interessanterweise wird “emotionale Reife” als Phänomen teilweise ausdrücklich herausgestellt, obwohl kaum jemand Worte wie “Reife”, “unreif” o.ä. im Zusammenhang mit dem körperlichen Zustand junger Menschen verwendet.
“Emotionale Reife ist die Bereitschaft, andere über einen selbst im Irrtum sein zu lassen; zu verstehen, dass deren Narrativ nichts damit zu tun hat, wer man ist.”
— Unbekannt1
Auf dieses Zitat werde ich in Zukunft sicher noch einmal ausführlicher zu schreiben kommen; denn während ich den ersten Teil für wichtig und wünschenswert halte, bin ich mir beim zweiten Teil nicht sicher, ob das eine korrekte oder nur eine nützliche Sichtweise ist. Schließlich kann man über sich selbst ebenfalls gründlich im Irrtum sein und völlig unzutreffende Narrative angesammelt haben — was erst in der Interaktion mit anderen Menschen wirklich bedeutsam wird und ohne ihren Spiegel nur schwer feststellbar sein dürfte.
“Emotionale Reife ist die Fähigkeit, das volle Spektrum der eigenen Emotionen angemessen zum Ausdruck zu bringen; die eigenen Gefühle anzuerkennen, ohne von ihnen kontrolliert zu werden.”
— Susan David2
Dieses zweite Zitat erinnert mich an das Konzept der “emotionalen Körnung”, das Lisa Feldman Barret in “Wie Emotionen entstehen” einführt: Sie schreibt, dass es vielen Menschen schwer fällt, ihre Empfindung nuanciert zu erfassen und treffsicher zu benennen. Im Ergebnis geht es ihnen einfach nur “schlecht” oder “mies”, ohne dass sie unterscheiden können, ob sie wütend, enttäuscht, eifersüchtig oder frustriert sind.
Ein hohes Maß an emotionaler Körnung dürfte ein guter Indikator für einen fortgeschrittenen Reifeprozess sein.
Introspektive Reife
Mit einem höheren Reifegrad geht hoffentlich — wenn auch nicht zwingend — ein höheres Maß an Selbsterkenntnis, Reflektionsfähigkeit und Lernwille einher. Wer aus einem Zustand der Unreife herausgewachsen ist, sollte einiges über sich selbst gelernt und in einiger Hinsicht an sich gearbeitet haben.
Zu den Erkenntnissen, die man dabei über sich selbst sammeln kann, gehört diese:
“Reife bedeutet, zu wissen, dass man bei schlechter Stimmung dem eigenen Blick auf sich selbst nicht vertrauen sollte.”
— Yung Poeblo
Spannungen und Schmerz
Heranreifen bedeutet unweigerlich, mit den Herausforderungen einer immer längeren Existenz konfrontiert zu werden — und das geht irgendwann mit unangenehmen Erfahrungen einher. Kein Wunder also, dass sich entsprechende Zitate finden.
“Reife bedeutet, dass der Schmerz des Lebens aushaltbar geworden ist; dass man mit dem blauen Himmel hinter den Wolken lebt und keine Freude-im-Minutentakt-Existenz erwartet.”
— Harry Browne3
“Reife ist erreicht, wenn man akzeptiert, dass das Leben voller Spannung ist.”
— Joshua Loth Liebman4
Dieses letzte Zitat deutet einen Aspekt des Erwachsenwerdens an, der mich so regelmäßig umtreibt und so unterbehandelt zu sein scheint, dass ich ihn inzwischen still und heimlich im Hintergrund als großes Dauerprojekt bearbeite: Die unvermeidliche Auseinandersetzung mit scheinbar oder tatsächlich unauflöslichen Widersprüchen, Spannungen und Dilemmas.
Bevor ich anfange, die ersten Gedankenfetzen und Texte dazu an euch, meine lieben Leser, zu versenden, bin ich neugierig, ob ihr eurerseits etwas dazu beisteuern könnt:
Seid ihr in eurem Erwachsenenleben schon mal über eine Situation gestolpert, in der ihr in zwei entgegengesetzte Richtung gezerrt wurdet oder zwischen zwei unverzichtbaren, aber gleichzeitig unvereinbaren Optionen wählen musstet?
Ich würde mich sehr über Zuschriften freuen. Dazu gern einfach auf diese Mail antworten oder unter dem Artikel kommentieren.
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Weitere Lektüre
Original-Zitat: “Emotional maturity is letting people be wrong about you. It’s understanding that their narrative has nothing to do with who you are.”
Original-Zitat: “Emotional maturity is the ability to express the full range of your emotions appropriately, to acknowledge your feelings without being controlled by them.”
Original-Zitat. “Maturity means that the pain of life has become bearable; it is living with blue skies behind clouds, not expecting a joy-per-minute existence.”
Original-Zitat: “Maturity is achieved when a person accepts life as full of tension.”





„Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur das Leben belehrt den, der am Leben teilnimmt. Ein jeder spiegelt sich in dem Andern, und je klarer der Spiegel ist, desto deutlicher erkennt man sich.“
So hielt es Goethe. Für mich gehört zur Entfaltung der Reife wesentlich die Individuation des Menschen, so wie bei Jung formuliert. Den ersten Schritt gehen wir durch Reflexion, auch ein Spiegel, schwierig ist manchmal die Annahme dessen was man vorfindet.
Annahme bedeutet Verantwortung.
Reife ist für mich kein fixer Zustand, sondern ein Prozess, der meistens dann beginnt, wenn Ausweichen nicht mehr funktioniert. Ich musste mich in den letzten Monaten damit auseinandersetzen, freiwillig wäre ich da nie hingegangen.
Emotionale Reife heißt für mich heute, die eigenen Gefühle klarer wahrnehmen und benennen zu können, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Nicht alles sofort weganalysieren oder direkt loswerden wollen, sondern auch mal in Unsicherheit stehen bleiben. Verantwortung für die eigenen Themen übernehmen, ohne anderen die Schuld zuzuschieben, und zu wissen: Fehler gehören dazu.
Die Sache mit der emotionalen Körnung finde ich zentral. Jahrelang habe ich vieles nur als Leere oder Schmerz gefühlt, ohne zu differenzieren. Erst als ich mich dem wirklich gestellt habe, kamen auch die Zwischentöne, und das hat echt was verändert.
Reife ist für mich inzwischen die Fähigkeit, auch mit Widersprüchen und Unklarheiten zu leben, ohne sich daran zu verlieren oder abzuschließen. Nicht alles im Leben muss rund sein oder ein Ende finden.