#60: (Un)Kontrollierbares
Eine zeitlose Idee für mehr Nachsicht und Gelassenheit
Vor kurzem wurde mir durch meinen Vorgesetzten eröffnet, welche Note ich bei der nächsten Beurteilung bekommen werde. Sagen wir einfach: Sie spiegelt weder seine noch meine Einschätzung meiner Leistungen im zu beurteilenden Zeitraum wider. Die Gründe dafür sind ausschließlich bürokratisch1 und waren im ersten Moment dementsprechend schwer zu akzeptieren.
Aber glücklicherweise habe ich ja noch einen zweiten und einen dritten Moment – und zahllose danach. Meine ersten Gefühlsregungen – Enttäuschung, Ernüchterung, Empörung2 – müssen weder meine anschließende Reaktion noch mein späteres Verhalten prägen.
„Halte inne, atme durch, lass‘ den ersten Handlungsimpuls abklingen – dann verhalte dich so, wie es ein souveräner, kompetenter Erwachsener tun sollte.“3
Das klingt einfacher, als es manchmal sein mag. Umso hilfreicher ist es, wenn man konkrete Hilfestellungen bei der Steuerung der eigenen Reaktion hat.
Eine der für mich wichtigsten Stützen – in diesem Fall gedanklicher Art – kommt aus der antiken Philosophie des Stoizismus: Die Unterscheidung zwischen Kontrollierbarem und Unkontrollierbarem.
“In life our first job is this, to divide and distinguish things into two categories: externals I cannot control, but the choices I make with regard to them I do control. Where will I find good and bad? In me, in my choices.” (Epiktetus)4
Die Fähigkeit, zu identifizieren, worauf das man keinerlei Einfluss hat, ist enorm hilfreich beim Umgang mit den Herausforderungen des Erwachsenenlebens.
In gewissen Situationen kann es zu viel verlangt sein, die ersten Gefühlsregungen untätig abklingen zu lassen und die eigene Reaktion bewusst abzuwägen. Jeder hat seine Grenze der Affekthandlung.
Aber: Jede noch so verständliche Handlung oder Gefühlsregung ist völlige Energieverschwendung, wenn sie auf etwas gerichtet ist, das sich schlicht der eigenen Kontrolle entzieht – wie das Wetter, das Verhalten eines anderen Menschen oder die bürokratischen Leitplanken einer Beurteilung.
Bevor ich also etwas erwidere, eine Handlung vornehme oder mein grundsätzliches Verhalten für die nächste Zeit überdenke, stelle ich sicher, dass ich mich mit etwas beschäftige, das überhaupt meinem Einfluss unterliegt.
Öfter als mir lieb ist, merke ich bereits an dieser Stelle: Nein — insbesondere dann, wenn ich mich mit mir selbst beschäftige, denn frühere Äußerungen oder Handlungen sind nicht mehr zu ändern.
Die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit – der jüngeren wie auch der ferneren – kann durchaus Sinn machen, um beispielsweise aus Fehlern zu lernen oder Verhaltensmuster zu erkennen.
Aber es macht absolut keinen Sinn, länger als eine paar Minuten wütend auf sich oder enttäuscht von sich selbst zu sein. Weder erleichtert es irgendein künftiges Verhalten noch ändert es irgendwas an vergangenem.
Meinem Chef hätte ich sagen können: „Wenn es keinen Unterschied macht, wie sehr ich mich anstrenge und wie viel Einsatz ich zeige, dann mache ich ab jetzt halt Dienst nach Vorschrift und warte einfach, bis ich lange genug dabei bin, um befördert zu werden.“
Habe ich aber nicht. Stattdessen habe ich mir ein paar Augenblicke zum innerlichen Durchatmen genommen, mich für die Ehrlichkeit bedankt und ihm versichert, dass ich nicht für die nächste Beurteilung oder Beförderung arbeite, sondern aus intrinsischer Motivation.
Die Beförderung wird kommen, wenn es soweit ist. Ich werde lieber einmal positiv überrascht als mehrmals enttäuscht. Und bis dahin bemühe ich mich lieber um gutes Feedback von Kollegen und Trainees, als meine Arbeit vom Frust über Unveränderliches beeinträchtigen zu lassen.
Das Leben hält mehr als genug Veränderungswürdiges bereit.
Niemand kann sich auf Dauer erlauben, Zeit und Energie für Dinge zu vergeuden, die man gar nicht verändern kann.
Ich bin Bundesbeamter und werde als solcher regelmäßig durch meine Vorgesetzten beurteilt. Laut Gesetz sind dabei „Eignung, Befähigung und fachliche Leistung“ ausschlaggebend – aber es ist ein sperrangelweit offenes Geheimnis, dass diese drei Kriterien regelmäßig und systematisch hinter Aspekte wie Dienstalter, Zeit in der aktuellen Besoldungsgruppe oder Restzeit bis zu Pensionierung zurücktreten. Dazu kommt die Quotierung der besten drei Notenstufen, für die im Vorfeld die genaue Anzahl an Beamten pro Besoldungsgruppe festgelegt wird, die entsprechend bewertet werden können.
Unnötige Alliteration: ✔️
Ja, ich sehe den Widerspruch zu meiner Position bezüglich des unfreien Willens auch. Dazu gäbe es viel zu schreiben, aber hier soll genügen, dass es 1. Wahrheit und Nützlichkeit unterschiedliche Dinge sind und 2. dem Menschen möglich ist, mehrere Ideen, die miteinander im Widerspruch stehen, gleichzeitig zu betrachten.
