#35: Ein Jahr auf ein Leben
Die Auseinandersetzung mit der Begrenztheit der Zeit, die man mit seinen Liebsten hat, kann bedrückend sein. Für Prioritäten, die man später nicht bereut, ist sie aber enorm hilfreich.
Meine Eltern werden dieses Jahr 57 Jahre alt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt für Frauen bei etwas über 80 Jahren. Statistisch betrachtet hat meine Mutter hat also noch rund 25 Jahre zu leben.
Ich sehe meine Mutter derzeit ungefähr einmal im Monat.
Das heißt, ich habe rechnerisch noch ungefähr 300 Gelegenheiten, Zeit mit einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben zu verbringen.
Das sind weniger Begegnungen für den gesamten Rest meines Lebens als wir bis zu meinem 18. Geburtstag jedes Jahr hatten.
Deprimierende Mathematik
Kinder und ihre Eltern haben insgesamt ungefähr 20 Jahre an miteinander verbrachter Zeit. Davon sind 19 Jahre in den ersten 19 Jahres aufgebraucht.1
Diesen bedrückenden Punkt hat der Blogger Tim Urban in einem Artikel illustriert:
“Im besten Fall wird mein Leben aus ungefähr 20 Jahren von persönlicher Zeit mit meinen Eltern bestehen. Die ersten 19 waren meine ersten 19 Jahre. Das letzte Jahr ist über den gesamten Rest meines Lebens aufgeteilt.”
— Tim Urban 2
„Depressing math“ – so nennt Tim Urban derartige Rechenspielchen, die einem die Augen öffnen sollen für einige wirklich wichtige Aspekte des Lebens.3
Es macht keinen Spaß, solche Dinge durchzurechnen. Und natürlich gibt es einige Unsicherheitsfaktoren dabei – allerdings in beide Richtungen. (Meine Mum könnte 100 Jahre alt werden. Ich könnte aber auch nächste Woche versterben.)
Aber „zu wenig Zeit“ mit einem geliebten Menschen ist kein Schicksal, sondern die Folge von Entscheidungen gegen mehr Zeit mit demjenigen.
Solche Entscheidungen kann man zukünftig anders treffen.
Wichtige Schlussfolgerungen
1. Qualität: Mit einigen wirklich wichtigen Menschen in deinem Leben hast du womöglich nur noch sehr viel weniger Zeit, als du gern hättest.
Wenn ihr euch also seht, schau nicht aufs Handy. Streitet nicht über Kleinkram. Sei präsent und genieße die Gesellschaft.
2. Quantität: Es ist nicht in Stein gemeißelt, wie oft man seine liebsten Menschen trifft (oder zumindest via Videotelefonie sieht und spricht).
Mach die Menschen, die dir wirklich Freude bereiten und Kraft geben, zu einer Priorität in deinem Alltag. Verabredet euch öfter zu Telefonaten oder Treffen. Besucht euch spontan. Sagt Dinge dafür ab, die einem nicht so schnell davon laufen wie Zeit mit den Liebsten.
3. connection regrets: Laut Daniel Pink („Die Kraft der Reue“) gehören Gewissensbisse über verlorene Beziehungen zu den vier großen Arten von Reue, die uns alle plagen.
Wenn die Beziehung zu einer der zentralen Personen in deinem Leben gerade einzuschlafen droht oder bewusst auf Eis gelegt wurde: Reiche nochmal die Hand. Ruf nochmal an. Schreib einen Brief oder eine Mail. Versuche, was zumutbar ist.
Mich beschäftigt diese Thematik – wie man auch an diversen Ausgaben dieses Newsletters sehen kann – seit einigen Monaten immer wieder. Und es werden auch noch einige Texte dazu folgen, fürchte ich.
In Folge meiner Auseinandersetzung mit dieser deprimierenden Mathematik habe ich mir u.a. wöchentliche Telefonate oder Treffen mit meiner Mutter, meinem Bruder und meinen engsten Freunden vorgenommen. Außerdem bemühe ich mich um größtmögliche Präsenz, wenn ich Zeit mit meiner Frau und meinem Kind verbringe.
Noch mehr als sonst würde ich wirklich gern von dir hören bzw. lesen: Treiben dich solche Dinge um? Wie erfolgreich und in welcher Form priorisierst du die wichtigen Menschen in deinem Leben?
Bis nächste Woche
Felix
Dieser Punkt ist für mich nicht nur als Kind meiner Eltern, sondern auch als Vater hochrelevant: Mein Sohn wird dieses Jahr 3 Jahre alt. Denselben Zeitraum habe ich anschließend nur noch ungefähr sechs Mal mit ihm – insgesamt.
Original-Zitat: „My life, in the best-case scenario, will consist of around 20 years of in-person parent time. The first 19 happened over the course of my first 19 years. The final year is spread out over the rest of my life.“
Wer gern noch etwas mehr auf der Thematik herumdenken möchte, dem sein “The Tail End” ans Herz gelegt.

