#129: In eigener Sache: Essays
Zu größerer Qualität mittels Handwerk, nicht mittels Quantität
Schriftliches Nachdenken
Seit Mitte 2022 betreibe ich diesen Newsletter. Von Beginn an war mein Ansatz, zu schreiben, um zu verstehen, denn ich habe früh gemerkt: Schreiben hilft mir wie keine andere Ausdrucksform dabei, meine Gedanken zu ordnen, kritisch zu überprüfen und miteinander in Kontakt, Konflikt und Kontamination zu bringen.
Bis Ausgabe 49 veröffentlichte ich jede Woche eine neue Ausgabe, ab Nr. 50 wechselte ich auf den aktuellen zweiwöchigen Rhythmus. Mit dieser Frequenz fand ich einen guten Mittelweg zwischen dem regelmäßigen Veröffentlichen von Texten zu einer festen Frist1 und genug Zeit, um in diese Texte auch ein bisschen Gehirnschmalz zu investieren.
In letzter Zeit haben sich aber die Gründe verdichtet, an diesem System nochmal herumzuschrauben. Mit dem Erwachsenwerden als übergreifendem Themenfeld sowie aktuell der Willens(un)freiheit und dem kritischen Rationalismus habe ich einige inhaltliche Schwergewichte in Arbeit. Komplexe Themen wie diese zu durchdringen, braucht notwendigerweise einiges an Zeit und Mühe — und beides bleibt Mangelware, solange ich alle zwei Wochen irgendwas veröffentlichen möchte.
Beim Zusammenwerfen eines knappen Artikels zu einem wohlvertrauten Thema in kurzer Zeit bleibt man notwendigerweise in der eigenen Komfortzone: Man ruft Konzepte und Ideen ab, die man längst verinnerlicht hat, oder schreibt schlicht über persönliche Erlebnisse, die einen gewissen Unterhaltungswert haben; aber oft profitieren weder der Autor noch der Leser vom Kontakt mit dem Text.
Zwischen all den auf den letzten Drücker zusammengeworfenen Ausgaben, die ich kurz vor der Frist erst angefangen hatte und die ich eigentlich nur aus Prinzip veröffentlichte, waren allerdings immer mal wieder auch Texte, auf die ich (im Rahmen meiner Möglichkeiten) tatsächlich stolz war.2 Diese Selbstwahrnehmung als Schreiberling möchte ich regelmäßiger erleben: Dass ich einen Text ins Internet stelle, den ich selbst interessant oder hilfreich finden würde und an dessen Erarbeitung ich gewachsen bin, weil der Prozess handwerklich anspruchsvoll und kognitiv bereichernd war.
Die Texte, deren Lektüre ich selbst am meisten genieße, und die Autoren, deren Artikel ich am sehnlichsten erwarte, fordern mich heraus: Schreiberlinge wie Gurwinder, Henrik Karlsson oder Paul Graham veröffentlichen nur alle paar Monate einen neuen Text — die haben es dann aber in sich: Komplexe Themen, ausgiebige Recherche, langwieriger und gründlicher Denk- und Schreibprozess, ein hohes Maß an handwerklichem Vermögen.
Beiträge wie die folgenden beiden haben mich in dieser Tendenz bestärkt:
Kunstvolles Nachdenken
Dazu kommt noch ein anderer Faktor: Unter den Artikeln, die ich in letzter Zeit gelesen habe, waren viele ordentliche Sachtexte: informativ, gut strukturiert, hilfreich. Und es waren ein paar Texte darunter, die mich nicht nur informiert oder zum Nachdenken angeregt haben, sondern die eine weitere, beeindruckendere Ebene erreicht haben. Was ich meine, ist schwer zu beschreiben3; in Ermangelung eines besseren Wortes nenne ich das, was diese Texte von reinen Sach-Artikel unterscheidet, Kunst.
Der Begriff, der mir im Zusammenhang mit Sachliteratur, die zugleich Kunst sein möchte, am häufigsten begegnet, ist das Essay. Zwar scheint jeder längere Text inzwischen von sich behaupten zu wollen, ein Essay zu sein. Dennoch ist meine Vermutung, dass es in diesem Genre etwas zu finden gibt, das mir bisher gänzlich fehlt: Eine schreiberische Meta-Ebene, die den Inhalt nicht einfach nur neu, sondern besser verpackt, als es rein sachliche Abhandlungen jemals könnten.
Daher habe ich in den letzten Wochen erste Nägel mit Köpfen gemacht: Ich habe Michael Dean’s “The Best Internet Essays 2025”-Sammlung gekauft und eine stetig wachsende digitale Liste an stilistisch ansprechenden Essays angelegt; ich habe mit der stilistischen Analyse dieser Texte begonnen; ich habe Kontakt zu Essayisten aufgenommen, deren Arbeit mich beeindruckt, und stelle konkrete handwerkliche Fragen4 ; ich habe meinen Blog neu aufgesetzt, um größeren Fokus auf das geschriebene Wort zu legen.
Und nun gehe ich den nächsten Schritt: Ab Ausgabe #130 erscheint mein Newsletter bis auf Weiteres alle vier Wochen. Die dadurch frei werdende Zeit gedenke ich, zu großen Teilen in Gedanken versunken mit meinen Notizbüchern zu verbringen. Und dann werde ich mich zunehmend darin versuchen, nicht einfach nur schriftlich, sondern ein Stück weit auch künstlerisch nachzudenken.
Bis ich in Sachen Essay etwas Präsentables vorzuweisen habe, verlinke ich euch hier ein paar herausragende Texte, die mich in den letzten Monaten begeistert, inspiriert, durchgeschüttelt und zum Essay-Schreiben angeregt haben:
Mein Newsletter ist und bleibt kostenlos. Wenn du dennoch daran mitwirken magst, dass meine Kaffeemaschine stets gut befüllt bleibt, kannst du das hier tun. Vielen Dank!
Weitere Lektüre:
Wobei die weitgehend illusorisch ist: Sie ist selbstgesetzt und kein Redakteur reißt mir den Kopf ab, wenn mein Newsletter erst einen Tag später erscheint.
Diese besonders gelungenen und zeitlosen Texte landen nach und nach, ggf. in überarbeiteter Form, auf meinem Blog ERWACHSTUM
Müsste ich es versuchen, würde ich sagen: Als Leser wurde ich am Kragen gepackt und durch eine Reihe von gedanklichen Schritten, Erfahrungen und Erkenntnissen mitgeschleift, ohne dass sich das zu irgendeinem Zeitpunkt übergriffig oder erzwungen angefühlt hätte. Ich konnte die Ideen durchdenken und hatte zugleich in der Wortwahl, dem Textaufbau oder den Stilmitteln ein Kunstwerk zu bestaunen.
Zuletzt kam dabei diese faszinierende Unterhaltung mit Tamara zustande.







Das kann ich sehr gut verstehen, Felix. Komplexe Themen oder Fragestellungen benötigen einfach Zeit. Das habe ich zuletzt wieder an meine Miniserie über den Familienroman und die Bedeutung von „Ankern“ gesehen. Insofern kann ich dein Vorgehen nur unterstützen. Ich freue mich auf weitere Texte und Ideen von dir.
Thank you for being featuring in your piece, Felix! I am grateful.